
Urteilen und Fühlen in Gottfrieds von Straßburg Tristan
Synopsis
Die Liebe zwischen Tristan und Isolde ist nicht nur ungewöhnlich, noch einfach unglücklich, sie ist verboten und angefochten; sie wird kritisiert und verurteilt. Sie ist vielen Individuen, aber auch ganzen Gemeinschaften und sozialen Schichten inakzeptabel, und moralisch wird sie von den Angehörigen der beiden höheren Stände, den Adligen und den Priestern sowie den Herrschern verurteilt. Sogar die Liebenden selbst und auch der Erzähler schließen sich dieser Menge des allgemeinen Urteilens an, mit ihrer eigenen Verurteilung und Selbstverurteilung, indem sie andere und Gott verurteilen und so das Verurteilen zu einem neuen wichtigen Thema im höfischen Epos von Gottfried machen. Tristan ist ein Epos über Liebe und Verurteilung. Es ist ein Roman über Liebe, Lügen und Betrug. Das Urteilen ist natürlich eng mit Sünde und Rechtschaffenheit verbunden. Das Verurteilen ist in Tristan eines der wichtigsten grundlegenden Phänomene, da es ein Indikator für Bewegung, Veränderlichkeit, den Kampf der Gegensätze, Dialektik und Kontraste ist. In bisherigen Forschungen wird auf die Repräsentationen von Emotionen in Gottfrieds Werk als vielfältig und heterogen hingewiesen, und ihre Interpretation stellt bedeutende Schwierigkeiten dar. Diese Heterogenität wird auf vielen verschiedenen Ebenen bedeutend und am Beispiel eines breiten Spektrums von Figurenkonstellationen deutlich. Allerdings verschwindet durch die Erforschung des Verurteilens durch Emotionen, der Heterogenität von Emotionen und Protagonisten im Werk sowie des Werkes selbst diese Heterogenität. Das Verurteilen wird zu einer unverzichtbaren und notwendigen Grundlage für eine neue Ebene der Interpretation von Gottfrieds Tristan. Auf der Suche nach dem Verurteilen in Tristan, dessen reiche Präsenz im Roman sowohl überraschend als auch erfreulich ist, könnte man eine ganze Palette menschlicher Emotionen erforschen, die Gottfried mit seinem prächtigen schriftstellerischen Talent reichlich darstellt, aber nicht nur das. Den Spuren des Urteilens folgend, begegnet man grundlegenden, bisher unerforschten oder nur sporadisch untersuchten Themen, die in diesem grandiosen Werk behandelt werden, und beschäftigt sich kurz mit den meisten von ihnen.
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