Die Wahrnehmung der Zeit in Jerusalem
Vielschichtige Zeitlichkeit in Mandevilles Reisen
DOI:
https://doi.org/10.15291/gem.5148Sažetak
Der vorliegende Aufsatz widmet sich der Untersuchung des sprachlich verkörperten Zeit- und Zeitlichkeitsbewusstseins des Mandeville-Autors in der Jerusalemer Episode der Travels of Sir John Mandeville, einem der am weitesten verbreiteten Meisterwerke der spätmittelalterlichen europäischen Literatur. Ziel der Analyse ist es, die Darstellungen ontologischer und epistemischer Zeit sowie deren sprachliche Repräsentation innerhalb des theologischen Habitus des spätmittelalterlichen Jerusalem zu erschließen. Die reisende Figur John Mandeville, deren historische Existenz weiterhin umstritten bleibt, durchwandert in der Textwelt peripatetisch die Heilige Stadt und veranschaulicht dabei ein fortwährendes Streben auf das nie erreichte Zentrum der Welt hin. Anhand ausgewählter Passagen der Travels – unter besonderer Berücksichtigung der mittelenglischen Fassung (sogenannte Defective Version) und in skizzenhaftem Vergleich mit den altfranzösischen und mittelhochdeutschen Redaktionen, wo dies analytisch sinnvoll ist – wird gezeigt, dass die Orientierung des Mandeville-Autors an einer christlich-eschatologisch-liturgischen Zeitauffassung und sein vorsichtig performatives Schreiben über eine selbstzentrierte innere Zeitbewusstheit in der Jerusalemer Episode eng miteinander verwoben sind. Das Selbst des Mandeville-Autors erscheint demnach in der Spannung zwischen christlich-theologischen Zeitnormen und innerem Zeitbewusstsein verortet, wodurch sich ein schwebender, zögerlicher Existenzstatus entfaltet. Zugleich verweist diese Konstellation auf die intersubjektive Dimension des Wahrnehmens und Schreibens von Zeit im theologisch einzigartigen Chronotop des spätmittelalterlichen Jerusalem, in dem die soteriologischen Konnotationen der Zeit nicht neutral, sondern hinreichend wirkmächtig sind, um die auktoriale Zeitwahrnehmung affektiv zu mobilisieren und zu lenken.



