Der Komplex der Probleme im Zusammenhang mit den sorbischen Sprachen erregte von jeher das Interesse nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der breiten Öffentlichkeit. Dieses Interesse gliedert sich in drei Richtungen auf. Das wissenschaftliche Interesse der Slavistik hat sich auf đie vergleichenden Probleme konzentriert (die Natur der Verhältnisse zwischen zwei sorbichen Spra- chen, zwischen der sorbischen und der lechischen oder der tschecho-slovakischen Gruppe, zwischen den einzelnen sorbischen Sprachen und der lechischen, bzw. der tschecho-slovakischen Gruppe, zwischen den einzelnen sorbischen Sprachen und den anderen westslavischen Sprachen usw.). Das vergleichende slavistische Interesse ist auch in der sorbischen Dialektforschung entscheidend. — Die Phanomene des jahrhundertelangen Absterbens der sorbischen Sprachen, sowie der Charakter der national-sprachlichen Verhaltnisse zwischen den Deutschen und den Lausitz- Sorben haben leider bis jetzt vorwiegend das publizistische Interesse an sich gezogen. — Das Interesse der Lausitz-Sorben selbst, insofern sie keine Slavisten sind, ist meistens auf die praktischen, normativen Fragen des Schulgebrauchs, der Literatur, des Journalismus usw. beschrankt. In der Abhandlung werden diese drei Gruppen der Probleme analysiert, und man kommt zu dem Schluss, dass jede dieser Gruppen ein ausserordentlich interessantes Gebiet für die allgemeine Linguistik darstelle. Die Lausitz ist klein, und die sprachliche und die dialektische Problematik in ihr sind sehr zugespitzt, sehr auffällig, unglaublich verflochten und reich an den verschiedensten Analogien, die man nutzbringend auf die Slavistik und die allgemeine Linguistik anwenden kann. Der Verfasser glaubt, dass die heutige Slavistik die Divergenzen in der Lausitz iiberschätze und die allgemein sorbischen Eigenschaften unterschatze. Die allgemein sprachliche Physionomie der sorbischen Gruppe wird analysiert und es wird festgestellt, dass diese Gruppe der lechischen und der tschecho-slovakischen gleichstehe. Dabei wird gezeigt, von welchem Nutzen die Forschung der sorbischen Problematik für die Slavistik und die vergleichende Grammatik ist. Die Erforschung der deutsch-sorbischen Verhältnisse bereichert sehr den Fond der Assoziationen zum Studium der deutsch-slarvisohen Symbiose und der Prozesse der Germanisierung auch auf anderen Gebieten. Dabei muss man besonders die ausdrücklichen Sondereigenschaften des Lausitzer Falles in Betracht ziehen. Zum Schluss wird auf die enge Abhangigkeit zwischen der Problematik der deutsch-sorbischen Sprachverhaltnisse und der Problematik der Normierung der Ober- und Niederlausitzer Sprache hingewiesen, worauf man bis jetzt rnicht genü- genden Wert gelegt hat. Auch diese Probleme sind von bedeutendem Interesse für die allgemeine Linguistik, besonders deswegen, weil die sorbischen Spra- chen heute in Europa ein einzigartiges Beispiel der »Standardsprachen mit unvollkommener Funktion« darstellen.